Wenn die Favoriten wechseln: was die Sektorrotation für Anleger bedeutet

Liebe Anlegerinnen und Anleger,

an der Börse sind es oft nicht die großen Richtungswechsel, die Anleger überraschen, sondern die stillen Verschiebungen unter der Oberfläche. Während ein Index auf den ersten Blick kaum verändert erscheint, können einzelne Branchen bereits deutlich an Bedeutung gewinnen oder verlieren.

Genau das zeigt sich derzeit: Nach der langen Dominanz von Technologie-, Halbleiter- und KI-Aktien rücken andere Sektoren wieder stärker in den Fokus. Banken, Energieunternehmen und defensive Branchen entwickeln sich zeitweise robuster als die bisherigen Börsenlieblinge.

Für Anleger ist das mehr als eine kurzfristige Marktbewegung. Es ist ein Hinweis darauf, dass Konzentrationsrisiken oft erst sichtbar werden, wenn die bisherigen Gewinner schwächeln. Ein breit wirkendes Portfolio kann in Wahrheit stark von wenigen Unternehmen und einem einzigen Anlagethema abhängen.

Im folgenden Beitrag werfen wir deshalb einen gemeinsamen Blick auf die aktuelle Sektorrotation, ihre möglichen Ursachen und die Frage, welche Konsequenzen Sie als langfristig orientierter Anleger daraus ziehen sollten.

Ihr fairer Berater,

Klaus Buhl

 

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Wenn die zweite Reihe übernimmt

Je nachdem, wie aktiv Sie an der Börse sind, ist es Ihnen wahrscheinlich auch schon aufgefallen: An den Aktienmärkten wechseln derzeit die Favoriten. Nach der außergewöhnlich starken Entwicklung von Halbleiter-, Technologie- und KI-Aktien gerieten zuletzt ausgerechnet die bisherigen Börsenlieblinge unter Druck. Gleichzeitig entwickelten sich Banken, Energieunternehmen und Teile des breiteren Aktienmarktes vergleichsweise robust.

Eine solche Verschiebung wird als Sektorrotation bezeichnet. Kapital verlässt dabei nicht zwangsläufig den Aktienmarkt. Es wandert vielmehr von einem Bereich in einen anderen. Anleger verkaufen beispielsweise Aktien, deren Bewertungen und Erwartungen stark gestiegen sind, und investieren das Geld in Branchen, denen sie ein attraktiveres Verhältnis von Chancen und Risiken zutrauen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob die Hausse am Aktienmarkt beendet ist. Wichtiger ist, ob sich lediglich die Zusammensetzung der Gewinner verändert.

 

Die bisherigen Champions werden hinterfragt

Besonders deutlich wurde die jüngste Bewegung bei den Halbleiterwerten. Der Philadelphia Semiconductor Index verlor im Juli bis zum 17. Juli rund 18 Prozent und lag damit etwa 20 Prozent unter seinem Hoch vom Juni. Der Rückgang wirkt umso bemerkenswerter, weil der Index im ersten Halbjahr außergewöhnlich stark gestiegen war. Selbst nach der Korrektur lag er noch deutlich im Plus.

Eine solche Entwicklung ist zunächst kein Beleg dafür, dass sich die langfristige Bedeutung künstlicher Intelligenz verringert. Sie zeigt jedoch, wie empfindlich Aktien reagieren können, wenn in ihren Kursen bereits sehr hohe Erwartungen enthalten sind.

Die großen Technologieunternehmen investieren enorme Summen in Rechenzentren, Chips und KI-Infrastruktur. Solange Investoren davon ausgehen, dass diese Ausgaben zu entsprechend hohen zukünftigen Gewinnen führen, können die Bewertungen weiter steigen. Sobald jedoch Zweifel an der Geschwindigkeit oder Rentabilität dieser Investitionen entstehen, verändert sich die Rechnung.

An der Börse genügt es nicht, dass ein Unternehmen gute Ergebnisse erzielt. Die Ergebnisse müssen besser sein als das, was im Aktienkurs bereits vorausgesetzt wird. Je höher die Erwartungen, desto geringer ist die Fehlertoleranz.

Das erklärt auch, warum Aktien nach vermeintlich guten Quartalszahlen fallen können. Ein Unternehmen kann die Prognosen der Analysten erfüllen und trotzdem enttäuschen, wenn sein Ausblick, seine Margen oder seine Investitionspläne nicht überzeugen.

Nicht der gesamte Markt fällt

 

Bemerkenswert ist, dass sich die jüngste Schwäche nicht gleichmäßig über den gesamten Aktienmarkt verteilte. Während viele Technologie- und Chipwerte nachgaben, profitierten unter anderem Finanzunternehmen von einer besseren relativen Entwicklung.

Der US-Finanzsektor hatte bereits vor Beginn der laufenden Berichtssaison deutlich zugelegt. Die anschließend veröffentlichten Bankbilanzen wurden unter anderem durch robuste Kreditqualität, zunehmende Kapitalmarktaktivitäten und hohe Handelserträge gestützt. Allerdings waren auch innerhalb der Branche erhebliche Unterschiede zu erkennen.

Auch Energieunternehmen rückten angesichts steigender Ölpreise wieder stärker in den Blickpunkt. Hinzu kamen zeitweise Käufe in defensiveren Bereichen sowie in zuvor weniger beachteten Aktien aus der zweiten Reihe.

 

Abbildung: S&P 500 im Vergleich mit Gesundheits- und Energiesektor (Quelle: Stockcharts.com)

Dies können Sie auch im obigen Performance-Chart sehen. Während beispielsweise der S&P 500 in den vergangengen Wochen schwächelnd seitwärts lief, zündeten etwa der Energiesektor als auch der Gesundheitssektor (siehe Pfeile im obigen Chart) deutlich.

Derartige Entwicklung sind natürlich für die Beurteilung des Gesamtmarktes wichtig. Ein Rückgang weniger, sehr großer Unternehmen kann die bekannten Aktienindizes erheblich belasten. Er sagt aber noch nicht zwingend aus, dass die Mehrheit der Aktien ebenfalls fällt.

Der klassische S&P 500 gewichtet Unternehmen nach ihrem Börsenwert. Die größten Konzerne besitzen daher einen besonders großen Einfluss auf die Indexentwicklung. In einer gleichgewichteten Variante erhält dagegen jedes Unternehmen annähernd dasselbe Gewicht. Entwickelt sich der gleichgewichtete Index besser, deutet dies darauf hin, dass sich die Marktstärke auf mehr Unternehmen verteilt.

Eine solche Verbreiterung wäre grundsätzlich positiv. Eine Hausse, die von zahlreichen Branchen und Unternehmen getragen wird, steht auf einem stabileren Fundament als eine Rally, die fast ausschließlich von einer kleinen Gruppe hoch bewerteter Aktien abhängt.

 

Rotation oder nur eine kurze Pause?

Noch ist allerdings offen, ob die jüngste Bewegung den Beginn eines dauerhaften Führungswechsels darstellt. Nach starken Kursgewinnen sind Gewinnmitnahmen in den erfolgreichsten Sektoren normal. Häufig erholen sich die bisherigen Gewinner nach einer Korrektur und übernehmen erneut die Führung.

Für eine nachhaltige Sektorrotation müssten also mehrere Voraussetzungen erfüllt sein.

Erstens müssten die Unternehmensgewinne außerhalb des Technologiesektors überzeugen. Banken, Industrieunternehmen, Energieproduzenten und Konsumkonzerne müssen zeigen, dass ihre Geschäftsentwicklung eine bessere Bewertung rechtfertigt.

Zweitens spielt die Konjunktur eine zentrale Rolle. Finanz- und Industrieaktien profitieren typischerweise stärker von einer robusten wirtschaftlichen Aktivität. Schwächt sich das Wachstum erheblich ab, kann sich das Kapital stattdessen in defensive Branchen wie Gesundheit, Basiskonsum oder Versorger verlagern.

Drittens bleiben die Zinsen entscheidend. Hohe oder weiter steigende Renditen können lang laufende Wachstumserwartungen belasten, weil zukünftige Gewinne bei der Bewertung stärker abgezinst werden. Banken können dagegen in bestimmten Zinskonstellationen profitieren. Für hoch verschuldete Unternehmen, Immobiliengesellschaften und andere kapitalintensive Geschäftsmodelle stellen höhere Finanzierungskosten hingegen eine Belastung dar.

Viertens muss die Berichtssaison zeigen, ob die hohen Erwartungen an die Unternehmensgewinne erfüllt werden. Für den US-Markt wurde zuletzt ein außergewöhnlich kräftiges Gewinnwachstum erwartet. Das macht positive Überraschungen zwar möglich, erhöht aber zugleich das Enttäuschungspotenzial.

Was Anleger daraus ableiten können

Die naheliegende Reaktion wäre, die bisherigen Gewinner zu verkaufen und vollständig auf die vermeintlich nächsten Gewinner zu setzen. Genau das wäre jedoch meist keine sinnvolle Schlussfolgerung.

Sektorrotation lässt sich zuverlässig erst im Rückblick erkennen. Wenn ein Führungswechsel offensichtlich geworden ist, haben sich die Kurse häufig bereits deutlich bewegt. Ein hektischer Austausch ganzer Portfoliobausteine birgt deshalb das Risiko, den bisherigen Gewinnern zu spät den Rücken zu kehren und in den neuen Favoriten zu teuer einzusteigen. Sinnvoller ist es, die jüngsten Bewegungen als Anlass für eine Überprüfung der eigenen Portfoliostruktur zu nutzen.

Viele Anleger sind stärker in Technologie und künstlicher Intelligenz investiert, als ihnen bewusst ist. Neben direkt gehaltenen Technologieaktien enthalten auch globale Aktienfonds und ETFs hohe Anteile großer US-Technologiekonzerne. Hinzu kommen Halbleiterhersteller, Rechenzentrumsbetreiber und andere Unternehmen, die wirtschaftlich vom selben Investitionstrend abhängen.

Formal kann ein Portfolio aus Hunderten Einzeltiteln bestehen und dennoch von wenigen gemeinsamen Risikofaktoren dominiert werden.

Die entscheidenden Fragen lauten daher:

Wie stark hängt die Wertentwicklung des Portfolios von wenigen großen US-Technologieunternehmen ab? Wie hoch ist der Anteil von Unternehmen, deren Bewertung auf sehr weit in der Zukunft liegenden Gewinnen beruht? Und gibt es ausreichend Gegengewichte aus anderen Branchen, Regionen und Anlageklassen?

Dabei geht es nicht darum, Technologieaktien grundsätzlich infrage zu stellen. Viele dieser Unternehmen verfügen über hohe Margen, starke Bilanzen und langfristige Wachstumsmöglichkeiten. Ein gutes Unternehmen ist jedoch nicht automatisch zu jedem Preis eine gute Anlage.

 

Rebalancing statt Richtungswette

Für langfristig orientierte Anleger ist Rebalancing häufig die bessere Antwort auf eine Sektorrotation als eine kurzfristige Wette. Sind einzelne Aktien oder Branchen durch starke Kursgewinne deutlich über ihr strategisch vorgesehenes Gewicht hinausgewachsen, können Teile der Gewinne realisiert und auf unterrepräsentierte Portfoliobausteine verteilt werden. Dadurch wird das ursprüngliche Risikoprofil wiederhergestellt, ohne dass eine Prognose über den nächsten Börsengewinner notwendig ist.

Eine solche Vorgehensweise hat einen weiteren Vorteil: Sie zwingt Anleger dazu, nach starken Kursanstiegen zumindest einen Teil der Gewinne zu sichern und nach schwächeren Phasen Kapital in weniger beliebte Bereiche umzuschichten. Rebalancing ist damit eine regelgebundene Form antizyklischen Handelns.

Die aktuelle Bewegung erinnert vor allem daran, dass Diversifikation nicht anhand der Anzahl der Depotpositionen beurteilt werden sollte. Entscheidend ist, ob die Anlagen tatsächlich auf unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklungen reagieren.

Technologieaktien, Banken, Energieunternehmen und defensive Konsumwerte besitzen unterschiedliche Gewinn- und Risikotreiber. Dasselbe gilt für Aktien und Anleihen sowie für verschiedene Regionen. Erst diese Unterschiede schaffen einen echten Diversifikationseffekt.

Die Hausse muss nicht enden – aber sie kann ihr Gesicht verändern

 

Die Schwäche der Halbleiterwerte bedeutet nicht zwangsläufig das Ende des KI-Trends. Ebenso wenig garantiert die relative Stärke von Banken, Energieunternehmen oder kleineren Aktien, dass diese nun dauerhaft die Führung übernehmen.

Die jüngsten Marktbewegungen zeigen jedoch, dass Anleger wieder stärker zwischen Geschäftsmodellen, Bewertungen und Gewinnerwartungen unterscheiden. Das wäre eine gesunde Entwicklung. Eine Börse, an der nahezu jedes Unternehmen mit Bezug zu einem populären Thema steigt, kann lange funktionieren. Dauerhaft tragfähig wird eine Hausse aber erst, wenn Kursgewinne auch durch tatsächliche Erträge gestützt werden.

Für Anleger besteht die wichtigste Konsequenz deshalb nicht darin, den nächsten Sektorwechsel exakt vorherzusagen. Sie sollten vielmehr sicherstellen, dass ihr Portfolio nicht nur für die Fortsetzung der bisherigen Marktgeschichte aufgestellt ist.

Denn die Geschichte an der Börse endet selten abrupt. Häufig werden nur die Hauptdarsteller ausgetauscht.

Ich wünsche Ihnen einen schönen und erfolgreichen Sommertag sowie alles Gute.

 

Mit sommerlichen Grüßen

Ihr Klaus Buhl

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Bild von Klaus Buhl

Klaus Buhl

Mein Name ist Klaus Buhl und ich habe das Investmentgeschäft „von der Pike auf“ gelernt. Vor einigen Jahren wurde mir klar, dass „die Märkte“ nicht so funktionieren wie es uns die Finanzindustrie und die Massenmedien vorgaukeln. Mir wurde klar, daß die allermeisten Kunden mehr als nur eine clevere Strategie und guten Service erwarten neben Fairness und Loyalität - echte Unabhängigkeit sowie vollständige Transparenz der Produkte und Kosten. Deshalb habe ich vor einigen Jahren meine eigene GmbH gegründet und veröffentliche wöchentlich meinen Gratis Börsenbrief

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